Hispanistik und Lateinamerikanistik in Jena

Weniger bekannt als die mit dem Namen Goethes verbundene Begeisterung für Italien ist die sich fast gleichzeitig zum Ende des 18. Jahrhunderts im Raum Weimar-Jena ausbreitende enorme Faszination für Spanien und seine barocke Literatur. So folgt der Weimarer Inszenierung von Calderóns El príncipe constante (Der standhafte Prinz) 1811 eine wahre Calderón-Begeisterung. Und auch das Ausmaß der Cervantes-Rezeption lässt vermuten, die Romantiker hätten im wahrsten Sinne des Wortes einen Narren an seinem Don Quijote gefressen.

Die Hispanistik in Jena ist sich dieser Geschichte bewusst, beschränkt sich aber keineswegs auf einen 'klassischen' Umgang mit dem Fach. Spanisch ist eine der großen Weltsprachen und nach Englisch die am meisten verwendete Sprache in der internationalen Kommunikation. Spanisch ist Amtssprache in 21 Ländern in Amerika, Europa und Afrika und  wird weltweit von ca. 500 Millionen Muttersprachlern und 80 Millionen Zweitsprachlern gesprochen. Die meisten Spanisch-Sprecher leben in Mexiko, Spanien, Kolumbien, Argentinien, den USA, Venezuela und Chile.

Dieser Bedeutung trägt das Institut für Romanistik in Jena Rechnung und beschäftigt sich heute in Lehre und Forschung mit den verschiedensten Facetten der Sprache, Literatur und Kultur der gesamten spanischsprachigen Welt. Die unten genannten Forschungsschwerpunkte illustrieren dies. Die Friedrich-Schiller-Universität verfügt damit über eine moderne, lebendige und international sehr gut vernetzte Hispanistik und Lateinamerikanistik, die sich - insbesondere auf Masterniveau - als interdisziplinär ausgerichtetes Fach versteht. In Lehramt, Bachelor und Master ist es das Ziel, den Studierenden die spanische Sprache und die Literatur und Kultur Spaniens und der spanischsprachigen Welt in ihrer ganzen Vielfalt nahezubringen.

Literaturwissenschaft

Der wissenschaftlichen Beschäftigung mit literarischen Texten geht es in ganz unterschiedlicher Weise um einen problemorientierten, methoden- und theoriegeleiteten Umgang mit Literatur und Kultur. Die Literaturwissenschaft befasst sich mit der Ästhetik, Geschichte und den Entstehungsbedingungen der verschiedenen literarischen und kulturellen Ausdrucksformen (wie etwa auch des Films), beschäftigt sich mit der zeitlich und regional sehr unterschiedlichen Gestalt literarischer Werke und Kulturen und betrachtet also die Vielfalt der Strukturen, der Anlage, des Aufbaus und der Vorgehensweisen in Literatur und Kultur. Daneben setzt sie sich u.a. mit den Rezeptionsbedingungen und Wirkungen von Literatur und Kultur auseinander und widmet sich in diesem Sinne nicht zuletzt auch der Relevanz literarischer (oder etwa filmischer) Produktionen für ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld.

Aufgrund der weiten Verbreitung des Spanischen geht es der Jenaer Hispanistik und Lateinamerikanistik in der Literaturwissenschaft um die Erarbeitung, Analyse und Interpretation der gesamten Produktionsbreite von Literatur und Kultur in spanischer Sprache. Schwerpunkte in Lehre und Forschung liegen dabei auf dem spanischen "Goldenen Zeitalter" (16./17. Jh.), der spanischen Romantik und der lateinamerikanischen Literatur und Kultur des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Neben Spanien stehen der karibische Raum und der südamerikanische Cono Sur (v.a. Argentinien, Chile und Uruguay) im Fokus unseres Interesses. Über das reguläre Lehrveranstaltungsprogramm hinaus erhalten Studierende auch auf zahlreichen internationalen Fachtagungen und durch regelmäßig stattfindende Forschungskolloquien, Gastvorträge und Vortragsreihen Einblicke in aktuelle Forschungsdebatten.

Sprachwissenschaft

Sprache ermöglicht menschliche Kommunikation und spielt in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle. Die Sprachwissenschaft setzt sich mit Sprache auseinander und untersucht:

  • Woher kommen Sprachen?
  • Wie entwickeln sie sich?
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen Sprache und Bedeutung?
  • Wie sind Wörter und Sätze aufgebaut?
  • Wie entstehen Laute und wie werden sie gebildet?
  • Welche Beziehung besteht zwischen Sprache und Sprachbenutzer?
  • Wie wird Sprache angewandt und instrumentalisiert?
  • Welche Rolle spielen Minoritätensprachen und sprachliche Dominanzverhältnisse?
  • Welche Kontaktsituationen bestehen? Und vieles andere mehr.

Viele Bereiche der Sprachwissenschaft greifen in andere Fachgebiete wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Physik, Biologie, Informatik u.a. über, und dieses Überschreiten des eigenen Faches und die Verbindung zu anderen, eben auch naturwissenschaftlichen Bereichen, können von besonderem Interesse für sprachwissenschaftliches Vorgehen sein. Die Sprachwissenschaft hat eine lange Tradition, die wiederum für sich einen eigenen Forschungsbereich darstellt.

Sprachpraxis

Das Institut für Romanistik verfügt neben einer Mitarbeiterstelle über zwei Lektorate für Spanisch, die mit Muttersprachlern besetzt sind. Die sprachpraktische Ausbildung der Studierenden erfolgt zum größten Teil durch diese muttersprachlichen Lektoren, denen weitere - meist ebenfalls muttersprachliche - Lehrbeauftragte zur Seite stehen. Die sprachpraktische Ausbildung wird in ihrem gesamten niveaustufigen Spektrum (von A1 bis C1) angeboten, d.h. auch Anfänger ohne Vorkenntnisse können in Jena problemlos ein Studium der Hispanistik aufnehmen. Die Niveaus A1 und A2 werden zum Teil als Intensivkurse angeboten, sodass Studienanfänger der spanischen Sprache die Niveaustufe A2 bereits am Ende des ersten akademischen Jahres erreichen können.

Die Lehrveranstaltungen der spanischen Sprachpraxis am hiesigen Institut für Romanistik befassen sich aber nicht nur mit der Sprache selbst und ihrem Erwerb, sondern im weitesten Sinne des Wortes zugleich mit der Kultur Spaniens und der spanischsprachigen Welt. Die Vielseitigkeit der spanischen Sprache spiegelt sich im sprachpraktischen Lehrangebot wider, das neben den Sprachkursen u.a. auch Übersetzungskurse, Spanisch für fachsprachliche Ausrichtung, Lektüre und spanisches Theater umfasst.

Internationale Kontakte

Die Hispanistik in Jena kooperiert im Rahmen des Programms Erasmus+ mit 10 Universitäten in Spanien (Almería, Barcelona, Cádiz, Jaén, Santiago de Compostela, Sevilla, Valladolid, Vigo, Vitoria und Zaragoza). Studierende haben die Möglichkeit, sich über verschiedene Programme für Studienaufenthalte oder Praktika im Ausland zu bewerben. Neben den Kooperationen mit spanischen Universitäten ermöglicht das Institut für Romanistik Studienaufenthalte in Argentinien an der Universidad Nacional de La Plata und der Universidad Nacional del Comahue und arbeitet darüber hinaus u.a. mit der Universidad de Buenos Aires, der Universidad Nacional de la Patagonia San Juan Bosco und der Universidad Nacional de Mar del Plata zusammen.

Studiengänge

Forschungsschwerpunkte

  • Transnationaler Wandel am Beispiel Patagoniens: Soziale Ungleichheit, interkultureller Austausch und ästhetische Ausdrucksformen
  • Leopoldo Marechal und die literarische Moderne in Argentinien
  • Autorschaftskonzepte in der europäischen und lateinamerikanischen Literatur, Autobiographie und Autofiktion
  • Exilliteratur des 20. u. 21. Jahrhunderts
  • Kultur- und Identitätskonzepte Lateinamerikas und der Karibik
  • (Inter)Medialität von Literatur und Film
  • Spanien und 'der' Orient
  • Poetik und Systemkritik im kubanischen Roman
  • Soziolinguistik: Regionalsprachen, Sprachkontakt
  • Kritische Diskursanalyse
  • Systemlinguistik
  • Onomastik
  • Sprachvergleich, übersetzungswissenschaftliche Fragestellungen
  • Kontrastive Linguistik Spanisch-Deutsch-Portugiesisch

Sonstiges

  • Spanische Theatergruppe Los Locodrilos
  • Spanisch-Stammtisch
  • Internationale Tagungen zu Paradoxien der Moderne, Leopoldo Marechal und die moderne argentinische Literatur, Literatur aus Patagonien, Leonardo Padura, Guillermo Cabrera Infante etc. mit Gästen aus Europa, Lateinamerika, USA und Kanada.
  • Drittmittelfinanziertes interdisziplinäres Forschungsprojekt zum "Transnationalen Wandel am Beispiel Patagoniens: Soziale Ungleichheit, interkultureller Austausch und ästhetische Ausdrucksformen", das MA-Studierenden längere Studien- und Forschungsaufenthalte an 7 beteiligten argentinischen und chilenischen Universitäten in Patagonien, Santiago de Chile und Buenos Aires ermöglicht.

Lehrende

Prof. Dr. Claudia Hammerschmidt
Prof. Dr. Julia Kuhn
PD Dr. Hans Paschen
PD Dr. Petra Schumm

Dr. Sabine Albrecht
Juan Andrés Carmona Ramírez
Dr. Rafael-Eduardo Matos
Dr. Jorge Peña
Dr. María Ramírez Antía
Dr. Catarina von Wedemeyer

Aktuelle Lehrveranstaltungen

Vorlesungsverzeichnis (Friedolin, Institut für Romanistik)